MEIN HALBER VATER
Als der Vater aufgrund eines Schlaganfalls vom starken Familienoberhaupt zum Schwerbehinderten wird, greift Viki Kühn zur Kamera und beginnt eine Suche nach dem Vergangenen, dem Jetzt und dem, was kommen mag. MEIN HALBER VATER erzählt die Geschichte einer Wiener Familie, die vom Schicksal heimgesucht wird. Die damit hadert, die verzweifelt, deren Wunden irgendwann zu heilen beginnen, die in manchen Momenten auch den Humor findet, die lernt zu akzeptieren, die dem Loslassen begegnet und die auch wieder Hoffnung zu finden sucht.
Unmittelbar nachdem ihr Vater einen Schlaganfall erleidet, beginnt Viki Kühn zu filmen – zunächst in der Klinik, dann im Elternhaus in Wien. Das Familiengefüge ist erodiert. Der Vater, halbseitig gelähmt, findet seine Sprache nicht mehr und kann sich nur eingeschränkt bewegen, die Mutter rückt in die Rolle der Pflegerin und familiären Autorität. In der doppelten Position von Tochter und Filmemacherin – zeitweise auch als Co-Pflegerin – dokumentiert Viki Kühn, was nun Alltag ist: die Herausforderungen morgendlicher Routinen, Brettspiele und andere Rituale, die Belastungen durch physisches Leid, das Nebeneinander von Ohnmacht und Normalität. Kühns Kamera, mal statisch, doch meist aus der Hand geführt, ist mehr als ein Aufzeichnungsgerät. Sie schafft Abstand und drängt zugleich unerbittlich nach Nähe. Wiederholt versucht sie, gleichsam wie ein sensorisches Instrument die eingeschränkte Welt des Vaters nachzuempfinden, nimmt die Blickperspektive von seinem Krankenbett aus ein oder findet durch taktile Bewegungen Momente körperlicher Identifikation.
Als Vater- und Familienporträt ist „Mein halber Vater“ untrennbar mit dem Selbstporträt verbunden. So bekommen auch die eigenen ambivalenten Gefühle ihren Raum, die Trauer über den Verlust der früheren Vaterfigur und die Dankbarkeit für das Noch-immer-Dasein des „halben Vaters“, der Wunsch ihn festzuhalten. Manchmal wird die Präsenz des Augenblicks von sensuellen Erinnerungsfragmenten überlagert und die Filmemacherin imaginiert sich im Voiceover in den geschützten Zustand der Kindheit zurück, der durch die dramatische Zäsur ein plötzliches Ende fand.
In der Wiederholung der immer gleichen Abläufe – Pflegearbeit, familiäre Rituale, das jährliche Weihnachtsfest – gehen Zeiträume nahtlos ineinander über, am Ende sind, kaum merklich, acht Jahre vergangen. Während der Vater fragiler wird und sich mehr und mehr in sich zurückzieht, findet der Film in der erschöpften wie unermüdlich tätigen Mutter sein neues Zentrum.
Obgleich radikal autobiografisch wird „Mein halber Vater“ zu einer überpersönlichen Betrachtung: von körperlicher Versehrtheit, familiären Rollen und den Veränderungen, die Älterwerden bedeuten.
ESTHER BUSS
Diagonale 2026 - Weltpremiere