WIE_Plakat_web.jpg

Wien vor der Nacht

ein Film von Robert Bober

Vienne avant la nuit
DOKUMENTARFILM | 2016 | A/D/F | 73 min | Digital


  • Info
  • Besetzung & Crew
  • Über den Film
  • Trailer
  • Festivals & Preise
  • Downloads
  • Biographie

„Wien vor der Nacht“ ist eine essayistische Zeitreise des französischen Dokumentarfilmers Robert Bober. Er erkundet ein Wien, das vor rund 100 Jahren eine andere Bedeutung hatte. Es ist die Zeit vom Ende der k. u. k. Monarchie bis zum Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Es ist die Zeit, als Wien noch als kulturelle Hauptstadt Europas galt, als Wien noch eine große jüdische Gemeinde beherbergte.

Anhand dieser Geschichte unternimmt Bober eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Stadt Wien und dessen jüdischen Lebens vor der Shoa. Eine unvollkommene, aber poetische Rekonstruktion des historischen Wiens bewahrt die Zeit und Umstände vor dem Vergessen und zeigt zugleich, dass Erinnerung nur so möglich ist: als Annäherung an das Vergangene, die das Verschwinden oder das Abwesende nicht überdeckt, sondern es als solches im Bewusstsein hält und reflektiert. 




Kinostart Österreich: 1. Februar 2018

Regie: Robert BoberDrehbuch: Robert BoberKamera: Giovanni DonfrancescoTon: Benjamin BoberProduktionsleitung: Stéphanie Andriot, Marie Tappero, Anette Unger
Produktion: Estelle Fialon,Gabriele Kranzelbinder, Michael Eckelt
REGIESTATEMENT
 
„Wie beschreiben?
Wie erzählen?
Wie betrachten? (...)
Wie diesen Ort wiedererkennen? Rekonstruieren, was gewesen ist? Wie diese Spuren lesen?
Wie darüber hinausgehen,
dahinter zurückgehen? (...)
Wie das begreifen, was nicht gezeigt wird, was nicht fotografiert, archiviert, restauriert, in Szene gesetzt worden ist?“
 
Diese Fragen haben Georges Perec und ich uns 1979 für den gemeinsam gedrehten Film „Récits d’Ellis Island“ („Geschichten von Ellis Island oder Wie man Amerikaner macht“) gestellt und es lag uns daran, dass sie auch im Film zu hören sind. In dem Teil „Anmerkungen zu den Dreharbeiten“ von „Wien vor der Nacht“ gibt es zwei Sätze, auf die ich im Folgenden zurückkommen möchte: „Ich werde versuchen herauszufinden, wie man nicht das filmt, was es noch gibt, sondern das, was verschwunden ist.“ und „Ich begreife einen Dokumentarfilm nicht anders als in der Gegenwart gedreht.“
Als wir den Film über Ellis Island drehten, waren die verlassenen Gebäude dort noch kein Museum. Die Mauern waren teilweise aufgerissen, Decken waren eingestürzt, am Boden stapelten sich verrostete Sprungfedermatratzen und Überreste von Gerüsten. „Das war uns zu sehen gegeben, und nur das konnten wir zeigen.“
Aber ich wusste auch, dass es in der New York Public Library die Fotografien von Lewis W. Hine aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts gab, die die Ankunft von Millionen von Emigranten zeigten. Diese Fotos ließ ich sehr großformatig vergrößern und platzierte sie genau an die Stelle, an denen sie aufgenommen wurden. So hatten wir im selben Bild den Ort in der Gegenwart und die Erinnerung der V ergangenheit.
Ein paar Jahre vor diesen Dreharbeiten, in dem Film „Réfugié provenant d’Allemagne, apatride d’origine polonaise“ („Flüchtling aus Deutschland, staatenlos, polnischer Herkunft“), den ich in Polen gedreht habe, in Radom, der Geburtsstadt meines Vaters, wo ich mich bemühte, einen Teil meiner Identität wiederzufinden, und wusste, dass ich nichts von dem finden würde, was ich suchte (von den 33.000 Juden, die vor dem Krieg in Radom lebten, waren 1975 noch 5 übrig), sieht man mich in einem Ausschnitt von hinten, wie ich einen Laden, eine Toreinfahrt, eine Gasse, ein Fenster fotografiere ... Bei jedem Klicken erschien nicht, was ich fotografierte, sondern ein Foto von Roman Vishniak, der in den Dreißiger Jahren die jüdische Gemeinde in Polen fotografierte. Diese Fiktion brachte eine verschwundene Welt zum Vorschein, eine Welt, die man nie mehr sehen würde, während sie zugleich bezeugte, was gewesen war. Auch in diesem Falle war es das Fehlen von etwas, was etwas sichtbar machte.
Als ich 1991 als Hommage an Georges Perec den Film „En remontant la rue Vilin“ („Die Rue Vilin hinauf“) machte, war die Straße, in der er seine frühe Kindheit verbracht hatte, verschwunden. Ein Park hatte ihren Platz eingenommen. Diese Straße hatte die Besonderheit gehabt, dass sie in einer Treppe endete, die auf eine Kreuzung führte, und so war sie glücklicherweise hunderte Male fotografiert worden. Von anonymen Fotografen und berühmten Fotografen. Die Fotografie drängte sich also ganz natürlich für das Erzählen vom ruhigen Leben dieser Straße und deren langsamer und systematischer Zerstörung auf. Auf ebenso natürliche Weise habe ich, wie bei einem Puzzle, die Fotografien nebeneinander angeordnet, darauf geachtet, die Abfolge der Hausnummern der Straße einzuhalten und so das Gesamtbild der Rue Vilin rekonstruiert. Auch Fotografien, die immer Ausdruck des Abwesenden sind, stellen dem Verschwinden etwas entgegen.

  Kommen wir zu „Wien vor der Nacht“. Ich werde also am Abend mit dem Zug in Wien eintreffen. Das wird man erfahren, weil man im Bahnhof lesbar den Namen Wien sehen wird. Dann wird man mir in meinem Hotelzimmer begegnen, das im ersten Stock liegen und auf die Taborstraße hinausgehen wird. Insbesondere meine Hände wird man sehen, die auf den Tisch, der mir dort als Schreibtisch dienen wird, Schreibzeug ablegen, die einen Computer abstellen werden (auf dem später Archivbilder des damaligen Wien erscheinen) und vor allem Bücher (mehrere Dutzend), die für mich für die Konzeption von „Wien vor der Nacht“ so wertvoll waren. Das Fenster meines Zimmers wird offenstehen, man wird die Straßenbahnen vorbeifahren sehen und hören, während ich mich fertig einrichte und ein paar Familienfotos an die Wand pinne, auf die ich im Lauf des Films immer wieder zurückkommen werde. So wird man auf Anhieb begreifen, dass wir uns in einem „Heute“ befinden.
Und das Wien von gestern? Zu Archivmaterial gewordene Schwarz-Weiß-Filme haben einen ganz eigenen Status. Sie sind empfindlich, man behandelt sie sorgfältig. Weil sie Zeugnis ablegen von dem, was die Zeit zurückbehalten hat. Es sind Lebensspuren – sicherlich partielle Spuren –, die man aber zu Rate zieht, die man einordnet, sammelt, die aber, glaube ich, einen Teil ihrer Bedeutung verlieren, sobald man sie nicht vorsichtig verwendet.
Man wird mich also, wie ich es weiter oben gesagt habe, abhängig vom jeweiligen Thema in meinem Hotelzimmer, in einem Kaffeehaus, im Jüdischen Museum oder anderswo sehen, wie ich auf einem Computer oder einem DVD-Player die Bilder betrachte, die ich brauchen werde. Auch in diesem Falle wird man in einem erkennbaren Heute Bruchstücke von dem sehen, was Stefan Zweig „Die Welt von gestern“ genannt hat.
In „Wien vor der Nacht“ werden Archivbilder fast ausschließlich in den Passagen zu sehen sein, die sich den Schriftstellern widmen. Aber sie werden so gegenwärtig sein wie am Anfang des Filmes, wenn ich mir bei mir zu Hause auf einem DVD-Player einen Auszug aus „La Ronde“ („Der Reigen“) von Max Ophüls ansehe. Der Off-Kommentartext wird weder erläuternd, noch beschreibend sein. Der Kommentar (es wäre richtiger, von Erzählung oder Bericht zu sprechen), der in der ersten Person gesprochen wird, wird auch dem Imaginären Raum lassen, jenem Imaginären, das mich genährt hat und am Ursprung meines Verlangens steht, diesen Film zu machen. Und wie in den oben genannten Filmen wird er von absolutem Eingebundensein, absolutem Engagement geprägt sein.
 
Robert Bober


„Wien vor der Nacht“ ist eine essayistische Zeitreise des französischen Dokumentarfilmers Robert Bober. Er erkundet ein Wien, das vor rund 100 Jahren eine andere Bedeutung hatte. Es ist die Zeit vom Ende der k. u. k. Monarchie bis zum Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Es ist die Zeit, als Wien noch als kulturelle Hauptstadt Europas galt, als Wien noch eine große jüdische Gemeinde beherbergte.

Anhand dieser Geschichte unternimmt Bober eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Stadt Wien und dessen jüdischen Lebens vor der Shoa. Eine unvollkommene, aber poetische Rekonstruktion des historischen Wiens bewahrt die Zeit und Umstände vor dem Vergessen und zeigt zugleich, dass Erinnerung nur so möglich ist: als Annäherung an das Vergangene, die das Verschwinden oder das Abwesende nicht überdeckt, sondern es als solches im Bewusstsein hält und reflektiert. 


Festivals:
Filmfest Hamburg, Hamburg, Germany
FID Marseille, Marseille, France
Etats généraux du documentaire, Lussas, France
Jerusalem Jewish Film Festival, Jerusalem, Israel




(Rechtsklick und "Speichern Als...")
Robert Bober wurde am 17. November 1931 in Berlin geboren. 1933 flieht seine Familie vor dem Faschismus und lässt sich in Frankreich nieder. Nach dem Volkschulabschluss verlässt er die Schule und wird erst Schneider, dann Töpfer und Erzieher, was zur Zusammenarbeit mit François Truffaut für „Sie küssten und sie schlugen ihn“ führt. So betritt er die Welt des Kinos, von der er insgeheim träumte. Er wird Assistent von François Truffaut bei „Schießen Sie auf den Pianisten“ und „Jules und Jim“.
Robert Bober ist Filmemacher, Regisseur, Schriftsteller und hat 120 Dokumentarfilme gedreht, darunter „Récits d’Ellis Island“, zusammen mit Georges Perec, der 1980 mit dem Preis des Festivals von Florenz ausgezeichnet wurde, und „En remontant la rue Vilin“ (Silberner Preis beim FIPA/Festival international des programmes audiovisuels de Biarritz, 1992). 1991 erhält er den Grand Prix de la Société Civile des Auteurs Multimédia (SCAM) für sein Gesamtwerk.
 
Sein erster Roman, „Was gibt’s Neues vom Krieg?“ (dt. 1995), erhält den Prix du Livre Inter 1994. Er gilt heute als einer der angesehensten Dokumentarfilmer Frankreichs.
 
Dokumentarfilme (Auswahl)
 
CHOLEM ALEICHEM, UN ÉCRIVAIN DE LANGUE YIDDISH, 1967
LA GÉNÉRATION D'APRÈS (séries „Les femmes aussi“), 1970
LA CLOCHE ET SES CLOCHARDES1. (séries „Les femmes aussi“), 1971
T'ES UN ADULTE, TOI! (séries „Du côté des enfants“), 1972
C'EST AINSI QU'ON INVENTE LE SPECTACLE, 1974
EN SEMI-LIBERTÉ, 1974
RÉFUGIÉ PROVENANT D'ALLEMAGNE, APATRIDE D'ORIGINE POLONAISE,1976
ADRESSE PROVISOIRE: LES MOLINES, 1977
LA PHOTOGRAPHIE HORS-CADRE, 1978
RÉCITS D'ELLIS ISLAND (with Georges Perec),1979
EN REMONTANT LA RUE VILIN, 1992
L'OMBRE PORTÉE,1993

Dokumentarfilme in Mitarbeit mit Pierre Dumayet
Einschließlich mehr als vierzig Dokumentarfilmen:
 
QUENEAU, BOVE, BUBER, SCHNITZLER (séries „Lire c'est vivre”), 1970
QU'EST-CE-QUI SE PASSE AVEC LA CULTURE? 1987
L'ESPRITDESLOIS,1989
PEREC, FLAUBERT, DURAS, POUSSIN (séries „Lire et écrire“ et „Lire et relire“),1990-1994
ALECHINSKY, L'OEIL DU PEINTRE, 1996
A LA LUMIÈRE DE „J'ACCUSE”, 1998
QUENEAU, PROUST, TARDIEU, VALÉRY, SUPERVIELLE, REVERDY, LOUYS PIERRE (séries „Un siècle d'écrivains”), 1998-2000
BALZAC: QUELQUES TRAITS DE CARACTÈRE, 1999
ROLAND DUBILLARD, 2001
FLAUBERT, VAN GOGH, DOSTOÏEVSKY, KAFKA (série „Correspondances”), 2000
 
Literarischen Werke
 
Récits d'Ellis Island: histoires d'errance et d'espoir, 1980
Quoi de neuf sur la guerre?, 1993
Berg et Beck, 1999
Laissées-pour-compte, 2005
On ne peut plus dormir tranquille quand on a une fois ouvert les yeux, 2010





© Les Films du Poisson, KGP Kranzelbinder Gabriele Production, Riva Filmproduktion GmbH